Diskussionsrunde „Antizionismus als Tabu“ 16.10. / Online discussion „Antizionism as taboo“ (in German)

Events, News

Am Sonntag laden unsere Freund*innen von den Judeobolschewiener✡️innen (Wien) zur Diskussion ein. Das Thema heißt „Antizionismus als Tabu“. Für JID Leipzig wird Michael Sappir über den Alleinvertretungsanspruch des Zionismus sprechen: Warum der Staat Israel und seine Unterstützer*innen sich immer anmaßen (müssen), im Namen aller Jüdinnen und Juden der Welt zu sprechen. Es sprechen auch Vertreter*innen von Palästina Spricht und den Judeobolschewiener*innen, sowie Dr.in Sarah El-Bulbeisi und Dr.in Anna-Esther Younes.

Die Veranstaltung wird ab 18 Uhr am Sonntag (16.1.) über Youtube live ausgestrahlt und auch im Nachhinein abrufbar bleiben. Die Beiträge werden als Texte auf Deutsch und Englisch nach der Veranstaltung veröffentlicht. YouTube-Link: https://www.youtube.com/channel/UCB7lN_h54TrJ6dMYGJZxPsg

English

This Sunday our friends from Vienna, the Judeobolschewiener✡️innen, are hosting an online event in German about „antizionism as taboo“. Michael Sappir will be speaking for JID Leipzig, on the topic of the Zionist movement’s claim to sole representation of Jewish people everywhere. This and the other presentations will be published as texts after the event, in German and in English.

Was ist die israelische Linke?

Texte

Am 5. Oktober 2022 hielten wir eine Veranstaltung im Rahmen der Kritischen Einführungswochen an der Universität Leipzig. Titel unserer Veranstaltung war „Wie geht es eigentlich der israelischen Linken?“. Dieser Text ist eine überarbeitete Version des Einführungsinputs, von Michael Sappir.
(No English translation of this text is available at the moment.)

Wenn wir über „die israelische Linke“ reden muss gefragt werden: welche? Denn es gibt zwei sehr verschiedene linke Lager in der jüdisch-israelischen Gesellschaft, die in der Regel „zionistische Linke“ und „radikale Linke“ genannt werden. Im Folgenden geht es darum in groben Zügen zu skizzieren, was diese zwei Lager eint, und insbesondere, was sie wesentlich voneinander unterscheidet. Daraus wird hoffentlich deutlich, was eine konsequente linke Positionierung in der israelischen Gesellschaft ausmacht.

Die zionistische Linke

Zunächst muss vielleicht noch eins geklärt werden: was heißt überhaupt „zionistisch“?

Dieses Wort bezieht sich auf die zionistische Bewegung, die den Staat Israel begründet hat. In der israelischen Gesellschaft heute allerdings bedeutet Zionismus im Alltagsgebrauch unter jüdischen Israelis vor allem so etwas wie „Patriotismus“ – und die allermeisten jüdischen Israelis identifizieren sich sehr stark mit diesem Zionismus und mit dem Staat.

Die zionistische Linke geht historisch vor allem auf die Arbeitspartei zurück, Ha‘awoda („Die Arbeit“; früher Mapai, „Partei der Arbeiter von Eretz Yisrael“), die die israelische Politik vor und während der Staatsgründung 1948, sowie danach bis 1977, absolut dominiert hat. Diese linkszionistische Bewegung wollte angeblich den Sozialismus mit dem nationalen Aufbau verbinden, wobei der Bezug auf Sozialismus sehr selektiv war und die Führung sehr früh einen kapitalistischen Weg gewählt hat.

Die Arbeitspartei bildet bis heute den Kern des Linkszionismus, obwohl sie massiv geschrumpft ist. Neben ihr gibt es aber auch die Partei Meretz. Meretz bildet den linken Flügel des Linkszionismus. Sie geht auf frühere Parteien zurück wie Mapam („vereinte Arbeiterpartei“), die neben der Arbeitspartei regiert hat mit dem Anspruch, mehr Humanismus und mehr Sozialstaat durchzusetzen.

Besatzungskritik und historische Kontinuität

In der israelischen Politik der letzten Jahrzehnte ist aber – anders als in den meisten Ländern – nicht die Frage nach dem ökonomischen System das Primäre, was Links und Rechts ausmacht. Stattdessen gilt es als „links“ in Israel, die Legitimität der Besatzung der palästinensischen Gebiete oder noch mehr der strukturellen jüdischen Vorherrschaft innerhalb Israels infrage zu stellen. Vor allem die Besatzungskritik eint die zionistische und die radikale Linke, während die Kritik der jüdischen Vorherrschaft nur der radikalen Linke eigens ist. Auch in diesem Kontext findet man die Kommunist*innen und Anarchist*innen in der radikalen Linken. Aber darüber hinaus zählen in Israel als „links“ auch Leute, die sozioökonomisch so ungefähr bei der FDP wären, dafür aber die Besatzung ablehnen; Solch eine Strömung ist zum Beispiel bei Meretz vorhanden.

Die Spaltung zwischen zionistischen und radikalen Linken können wir auch an der Einordnung zwei historischer Ereignisse festmachen, die zwei Jahreszahlen, die im Hintergrund der gesamten modernen israelischen sowie palästinensischen Politik schweben: 1948 und 1967.

Im Jahr 1948 erklärte der Staat Israel seine Unabhängigkeit während der gewaltsamen Auseinandersetzung, die von Israel als Unabhängigkeitskrieg, von den Palästinenser*innen als Nakba („Katastrophe“) bezeichnet wird. Während des Kriegs wurden Hunderttausende Palästinenser*innen vertrieben. Nach israelischer Erzählung sind sie eher freiwillig geflohen, jedoch steht nicht infrage, dass der Staat Israel im Anschluss aktiv und gewalttätig verhindert hat, dass sie wieder rückkehren dürfen. Es folgte eine systematische Landnahme und Enteignung der Vertriebenen.

Die in Israel verbliebenen Palästinenser*innen bekamen zwar die israelische Staatsbürgerschaft, jedoch wurden sie bis Ende 1966 unter Kriegsrecht und enger geheimpolizeilicher Überwachung gestellt. Knapp sechs Monate später, im Jahr 1967, war der Junikrieg oder Sechstagekrieg, von den Palästinenser*innen als Naksa („Rückschlag“) bezeichnet, nachdem Israel die palästinensischen Gebiete Gazastreifen und Westjordanland besetzte, sowie die syrischen Golanhöhen. Die gerade erst abgebauten Mechanismen des Kriegsrechts und der Überwachung wurden in diesen Gebieten rasch neu etabliert, und ab 1968 begann dort mit dem israelischen Siedlungsbau eine neue Art Landnahme.

Die Arbeitspartei war zu beiden Zeiten an der Macht. Jedoch stehen inzwischen Linkszionist*innen nicht mehr zu allem, was sie historisch verantwortet. Ihre grundsätzliche Position ist in den letzten Jahren, dass man all das, was vor 1967 geschah, nicht ernstlich zu hinterfragen oder aufzuarbeiten brauch. Stillschweigend oder ausdrücklich werden Nakba, Rückkehrweigerung, Kriegsrecht und Enteignung legitimiert. Nur die Eroberung, Besatzung, und Siedlungen ab 1967 stellt auch die zionistische Linke infrage. Sie hält sich also an die Zwei-Staaten-Lösung: Die Besatzung soll beendet werden und in den 67er Gebieten ein palästinensischer Staat entstehen. Darin, wie das realisiert werden soll, gibt es im Linkszionismus eine große Bandbreite an Positionen. Manche fordern, dass sofort alle Siedlungen geräumt werden und sich Israel komplett auf die Linien von 1967 zurückzieht. Andere wollen dagegen große Landstriche für den Erhalt mancher Siedlungen annektieren, und den Frieden so gestalten, dass den Palästinenser*innen viele Konditionen diktiert werden.

Die historische und die demokratische Frage

Wenn es um 1967 und 1948 geht, könnte man sagen, dass die radikale Linke ähnlich wie jene linkere Linkszionist*innen die Besatzung komplett ablehnt. Aber anders als praktisch alle Linkszionist*innen, versteht die radikale Linke 1967 und die Besatzung in einer Kontinuität mit 1948, und lehnt auch die damalige Enteignung und Vertreibung ab.

Diese scheinbar historischen Fragen haben auch für das heutige Zusammenleben vor Ort eine große Relevanz. Mit ihnen steht in enger Verbindung, ob der Staat ein demokratischer Staat werden sollte, der allen seinen Angehörigen gleichermaßen gehört. Alternativ soll er nämlich ein Ethnonationalstaat bleiben soll, der einer Volksgruppe gehört – uns Jüdinnen und Juden –, während Andere – insbesondere die Palästinenser*innen, die ungefähr ein Fünftel der Staatsbürger ausmachen – Bürger zweiter Klasse bleiben.

Diese Frage dürfte überraschend sein, denn man sagt dem Staat Israel nach, er sei schon immer eine Demokratie gewesen. Jedoch gehört zur Demokratie schon per Definition, dass der Staat allen seinen Bürger*innen gehört. Und faktisch zählt in Israel „ein Staat aller seiner Bürger“ (medinat kol ezrakheya) als gefährlich linksradikale Forderung. Daran halten neben radikalen linken jüdischen Israelis vereinzelte linkszionistischen und viele Palästinenser*innen mit israelischer Staatsbürgerschaft. Eine ihrer Parteien, Balad („nationales demokratisches Bündnis“) stellt diese Forderung besonders nachdrücklich und prägnant. Unter jüdischen Israelis ist dieser demokratische Anspruch aber leider nur der Anspruch einer kleinen radikalen Minderheit.

Und das hängt eng mit 1948 zusammen, weil als dieser Staat entstanden ist, entschieden wurde, dass er nicht nur „ein Staat für die Juden“ sein wird, wo Menschen jüdischer Herkunft immer willkommen sind und immer einen Zufluchtsort haben – sondern darüber hinaus, dass er „ein jüdischer Staat“ wird, der von und für Jüdinnen und Juden geführt wird.

Das mag für deutsche Ohren gar nicht so schlecht klingen, und verständlicherweise fanden und finden das sehr viele Leute klug und wichtig. Aber dabei wird gern vergessen, dass dieser Staat nicht auf einem leeren Fleck Erde gegründet wurde, sondern auf den Ruinen einer indigenen Gesellschaft, deren Überlebende immer noch da sind: die Palästinenser*innen. Und damit gab es von vornherein eine große Spannung zwischen der Idee mancher Linkszionist*innen, dass man diesen jüdischen Staat fortschrittlich und demokratisch gestalten kann, und dem Bestreben, seine jüdische Identität durch jüdische Vorherrschaft sicherzustellen.

Wer sind unsere Bündnispartner*innen?

Eine weitere Frage, die sich mit der historischen Frage und der demokratischen Frage verbindet, ist die der Bündnisse.

Die Linkszionist*innen wollen mit moderaten jüdischen Menschen und Parteien zusammenarbeiten. Dafür betonen sie oft, dass sie eine Zwei-Staaten-Lösung wollen, um sich von den Palästinenser*innen „zu trennen“ und einen „jüdischen und demokratischen Staat“ zu haben. Das könnte an sich vielleicht ein plausibler Weg sein, Frieden und sogar mehr Gleichberechtigung zu erreichen. Immerhin bilden zionistischen jüdischen Israelis die größte Gruppe unter den Staatsbürger*innen, und diese hat viel Macht inne.

Doch aus dieser Herangehensweise leiten sich sehr problematische Positionen ab. Das Militär, mit dem sich zionistischen jüdischen Israelis sehr stark identifizieren, wird kaum noch kritisiert. Direkt oder indirekt wird seine Hauptbeschäftigung – die gewaltsame Unterdrückung der Palästinenser*innen, die Aufrechterhaltung der Besatzung – schöngeredet und unterstützt. Das Ziel, einen „jüdischen Staat“ aufrechtzuerhalten führt zudem dazu, dass der untergeordnete Status nichtjüdischer Menschen zu einem gewissen Grad verteidigt wird. Und taktisch, wenn nur kurz- und mittelfristig, bedeutet diese Strategie, dass man mit zionistischen Parteien zusammen regieren möchte, die gar keinen linken Anspruch haben, ja sogar einen rechten haben. Genau das tun beide linkszionistischen Parteien seit Juni 2021, und dabei tragen sie eine rechte Politik mit, die sie nicht mehr aktiv bekämpfen können.

Wir in der radikalen Linken wollen im Gegensatz dazu gar nicht diesen ethnonationalen Staat aufrechterhalten. Wir streben eine demokratische Gesellschaft an, in der es keine Bürger*innen zweiter Klasse gibt. Also kämpfen wir für den „Staat aller seiner Bürger*innen“, ob es ein vereinter Staat mit den besetzten Gebieten werden soll, oder einer von zwei Staaten. Das Bündnis, dass wir dafür anvisieren, ist vor allem mit den Palästinenser*innen – sowohl die mit israelsicher Staatsbürgerschaft als auch die, in den besetzen Gebieten, die staatenlos bleiben. Sie sind alle von dem Ethnonationalismus direkt betroffen und haben ein direktes Interesse daran, ihn abzuschaffen.

Kampf um die gemeinsame Zukunft

Organisationen der radikalen Linken versuchen also eine Zusammenarbeit von Israelis und Palästinenser*innen auf Augenhöhe aufzubauen. Es gibt schon eine lange Geschichte gemeinsamer Organisationen und Kämpfe, vor allem der kommunistischen Partei (MAKI), heute Teil von der „demokratischen Front für Frieden und Gleichheit“ – kurz Hadash – aber auch viele kleineren und jüngeren Gruppen darüber hinaus.

Es geht aber nicht um eine in sich geschlossene Szene. Viele radikale Linken wollen auch mit den linkeren Linkszionisten zusammenarbeiten, und solche Zusammenarbeit findet vor allem gegen die Besatzung tagtäglich statt.

Längerfristig geht es darum, dass die Zukunft beider Völker nicht mehr voneinander zu trennen ist, und zusammen gedacht werden muss, zusammen erkämpft werden muss. Das ist definitiv keine populäre Botschaft, aber ich denke, sie ist die Einzige, die überhaupt eine Zukunft im „Gelobten Land“ versprechen kann. Ansonsten gibt es nur den endlosen Kreis von Unterdrückung und Widerstand, Blut und Angst und Asche und noch mehr Asche und Angst und Blut.

Unsere Genoss*innen vor Ort kämpfen dafür, dass mehr Menschen von beiden Völkern das erkennen, und sich dem gemeinsamen, demokratischen Kampf anschließen. Wir von JID bemühen uns darum, dass diese Kämpfe, diese Positionen, hier in Deutschland gehör bekommen – und wollen auch hier Solidarität aufbauen und mit Palästinenser*innen unsere gemeinsame Zukunft erkämpfen.

Rede zur Gaza-Demo 13.08.22 / Speech from Gaza demo

Texte

English

Folgende Rede hat unser Mitglied Michael Sappir gehalten an der Demo „stop the siege & the bombs on Gaza“ von Handala am 13. August 2022.

Hallo,
mein Name ist Michael Sappir. Ich bin Teil vom Jüdisch-Israelischen Dissens – kurz JID Leipzig, und beim SDS Leipzig aktiv.

Ich bin in Westjerusalem geboren und aufgewachsen. Meine Kindheit und Jugend waren durch Angst vor palästinensischer Gewalt geprägt – aber auch durch die Hoffnung nach Frieden.

Dann stellte sich die Frage, warum kein Frieden? Warum geht es weiter so?

Schon als Jugendlicher habe ich verstanden, dass unsere Seite, der Staat Israel, die mächtige ist, und dass es keinen Sinn ergibt, die palästinensische Seite dafür verantwortlich zu machen, dass weiter gekämpft und getötet wird.

Israels sogenannte „Sicherheitspolitik“ wird als eine reine Abwehr und Schutz dargestellt, das stimmt aber nicht. Es ist keine Abwehr, wenn wir aggressiv ins jede Lebensbereich der Palästinenser:innen eindringen – eine dauernde Provokation, die eben dafür sorgt, dass es nie an Angriffen fehlt, vor denen wir „Geschützt“ werden müssen. Gleichzeitig schadet das Israelis auch: unsere ganzen Ressourcen werden für die Unterdrückung verschwendet. Mit Nationalismus und Sicherheit werden alle Bewegungen für soziale Gerechtigkeit kleingemacht. Linke Israelis kämpfen also für palästinensische Menschenrechte, auch um für uns selbst zu kämpfen.

Ich bin sehr stolz, Teil dieser Kämpfe vor Ort gewesen zu sein, und schätze sehr die Bemühungen meiner Genossinnen. Aber genau wie ich ziehen nach und nach alle weg, die nur können. Unsere Kräfte bleiben klein, isoliert, schwach, fast wirkungslos.

Man würde erwarten, dass Menschen, die eine Sorge für Israelis bekunden, diese Kräfte unterstützen. In Deutschland passiert oft das Gegenteil. Selbst vermeintlichen Linken kolportieren die nationalistischen Erzählungen der israelischen Rechten und fallen uns damit in den Rücken.

Unter Jüdinnen und Juden gibt es schon längst zwei ganz verschiedene Lehren des „nie wieder“ nach dem Holocaust. Für mich heißt es „nie wieder“ im breitesten Sinne: niemand darf entmenschlicht werden. Der Staat Israel sagt aber nur „nie wieder mit uns“ – wir sorgen für uns, egal wen wir dafür misshandeln müssen.

Für manche hierzulande ist diese Version sehr praktisch. Damit kann man sich wieder vieles erlauben.

Das ist aber doch eine Perversion der Erinnerung und der Menschenwürde überhaupt. So sieht die deutsche Staatsräson aus: die bedingungslose Unterstützung israelischer Verbrechen.

Wenn du nicht jüdisch bist und dagegenstehst, wird dir gesagt, das verletzt und bedroht die Juden. Wenn du aber selbst jüdisch bist, wird dir gesagt, dass du die deutschen Befindlichkeiten zu respektieren hast.

So werden linke Jüdinnen und Juden zur Zielscheibe. Die jüngste Hetzkampagne gegen Emily Dische-Becker bediente sogar klare antisemitische Erzählungen: eine Strippenzieherin, die hilflosen jungen Menschen manipuliert, und zwar weil sie damit Geld mache. Das alles von einem prominenten Antisemitismusbekämpfer, Volker Beck.

Da kann doch niemand mehr glauben, dass es um Antisemitismusbekämpfung geht. Und unsere palästinensische und arabische Genoss:innen sind noch viel stärker betroffen von dieser Staatsräson.

Lasst euch keinen Quatsch erzählen: hier geht es um deutsche Interessen und deutsche Staatsräson. Es ändert nichts daran, wenn nationalistische, konservative Juden und Jüdinnen eifrig mitmachen.

Die Befreiung der Palästinenser:innen und die Befreiung der Juden und Jüdinnen sind voneinander untrennbar geworden, selbst wenn viele Menschen das noch nicht wahrhaben wollen. In dem Sinne:

די לכיבוש – די למצור – די לדיכוי ולנישול!

תשוחרר עזה! תשוחרר פלסטין!

Nieder mit der Besatzung, nieder mit der Belagerung, nieder mit der Unterdrückung und der Enteignung!

Free Gaza! Free Palestine!

English translation

The following is an English translation of the speech given by our member Michael Sappir at the Demo „stop the siege & the bombs on Gaza“ organized by Handala Leipzig on August 13, 2022.

Hello,
My name is Michael Sappir. I am part of the Jewish-Israeli Dissent – JID Leipzig for short, and active with SDS Leipzig.
I was born and raised in West Jerusalem. My childhood and youth were marked by fear of Palestinian violence – but also by hope for peace.
Then the question comes up, why no peace? Why does it go on like this?
Already as a teenager I understood that our side, the State of Israel, is the powerful one, and that it makes no sense to blame the Palestinian side for the continued fighting and killing.

Israel’s so-called „security policy“ is presented as if it’s purely defense and protection, but that is not true. It is not defense when we aggressively invade every sphere of Palestinian life – a constant provocation that ensures that we will never lack for attacks from which we need „protection“. At the same time, this policy also harms Israelis: all our resources are wasted on oppression. Nationalism and security concerns are used to batter down all movements for social justice. So when Israeli leftists fight for Palestinian human rights, it is also to fight for ourselves.

I am very proud to have been part of these struggles on the ground, and I deeply appreciate the efforts of my comrades there. But just like me, one by one everyone who is able to leave is moving away. Our forces remain small, isolated, weak, almost ineffective.
One would expect that people who profess a concern for Israelis would support these forces. In Germany, often the opposite happens: Even supposed leftists reproduce the nationalist narratives of the Israeli right, betraying us all.

Among Jews, there have long been two very different understandings of „never again“ after the Holocaust. For me, it is „never again“ in the broadest sense: nobody may be dehumanized. The State of Israel, however, only says „never again with us“ – we will look out for ourselves, no matter who we have to mistreat to do so.
For some in this country, this version is very convenient. It lets you get away with all kinds of things again.
But this is a perversion of memory, of human dignity altogether. And this is the German reason of state [Staatsräson]: unconditional support for Israeli crimes.

If you are not Jewish and stand against it, you are told that harms and threatens the Jews. But if you are Jewish yourself, you are told that you have to respect German sensitivities. What is actually being protected here?

This leads to the targeting of left-wing Jews. The recent smear campaign against Emily Dische-Becker even used clear anti-Semitic narratives: a string-puller, manipulating helpless young people, and all for the sake of making money. All this from a prominent anti-antisemitism campaigner, Volker Beck.

Nobody can believe anymore that it is about fighting antisemitism. And this „reason of state“ hits our Palestinian and Arab comrades much harder still.

Don’t let anyone bullshit you: this is about German interests and German „reason of state“. Yes, even though nationalist, conservative Jews zealously join in.

The liberation of the Palestinians and the liberation of the Jews have become inseparable from each other, even if many people do not yet want to admit it. In this sense:
די לכיבוש – די למצור – די לדיכוי ולנישול!
תשוחרר עזה! תשוחרר פלסטין!
Down with the occupation, down with the siege, down with the oppression and dispossession!
Free Gaza! Free Palestine!

Nationalismus und Militarismus – nicht in unserem Namen #le0510 / Nationalism and militarism – not in our name

News, Statements

🔽 English 🔽

Wir waren schockiert, als wir von dem eindeutigen Fall von Antisemitismus erfuhren, den der Sänger Gil Ofarim vor zwei Tagen im Westin Hotel in unserer Stadt erlebte. Wir schätzen die Solidarität mit jüdischen Menschen, die viele gezeigt haben, und das entschiedene Auftreten gegen Antisemitismus. Aber leider wussten wir, dass wir uns auf der gestrigen Solidaritätsdemonstration mit den üblichen Ausdrucken von israelischem Nationalismus nicht wohl fühlen würden.

Israelische Fahnen sind keine angemessene Antwort auf Antisemitismus in Deutschland! Der deutsche Antisemitismus muss in Deutschland und vor allem von Deutschen bekämpft werden – und nicht mit der Botschaft, dass jüdische Menschen zum „jüdischen Staat“ gehen sollten, wenn sie sich sicher fühlen wollen.

Nach dem, was wir gehört haben, ging die Demonstration noch weiter darüber hinaus. Einige Teilnehmer forderten sogar, dem Staat Israel als Reaktion auf diesen Vorfall mehr Waffen zu geben. Wir lehnen die Idee ab, dass Waffen, die gegen Palästinenser:innen und möglicherweise andere Menschen im Nahen Osten eingesetzt werden, eine Antwort auf den Antisemitismus in Deutschland sind.

Wir lehnen den Nationalismus und Militarismus ab, der in unserem Namen betrieben wird, sei es in unserem Heimatland oder in unserer Wahlheimat!

Schließlich möchten wir auch daran erinnern, dass es eine klassische Form des Antisemitismus ist, alle jüdischen Menschen mit dem Staat Israel zu identifizieren und umgekehrt. Die meisten jüdischen Menschen entscheiden sich weiterhin dafür, nicht im Staat Israel zu leben, viele jüdische Menschen identifizieren sich nicht mit dem Staat Israel, und es ist an der Zeit, dass alle – insbesondere diejenigen, die „gegen jeden Antisemitismus“ stehen – lernen, dass das jüdische Volk und der Staat Israel nicht dasselbe sind.

English

We were shocked to hear about the clear case of antisemitism singer Gil Ofarim experienced at the Westin hotel in our city two days ago. We appreciate the solidarity with Jewish people that many have shown and the strong stance against antisemitism. But unfortunately, we knew we would not feel comfortable at the solidarity demonstration yesterday, with the usual displays of Israeli nationalism.

Israeli flags are not an appropriate response to antisemitism in Germany! German antisemitism has to be dealt with in Germany, and especially by Germans – and not with a message that Jewish people should go to the “Jewish state” if they want to feel safe.

From what we heard, the demonstration went beyond that, with some participants even calling to give more weapons to the State of Israel as a response to this incident. We reject the idea that weapons used against Palestinians and potentially other people in the Middle East are an answer to antisemitism in Germany.

We reject the nationalism and militarism perpetuated in our names, whether in our home country or in our chosen home!

Finally, we would also like to remind everybody that it is a classic form of antisemitism to identify all Jewish people with the State of Israel and vice versa. Most Jewish people choose not to live in the State of Israel, many Jewish people do not identify with the State of Israel, and it is time for everyone – especially those “against every antisemitism” – to learn that the Jewish people and the State of Israel are not the same thing.

Podiumsdiskussionen diese Woche (15.-19.9.) / Panel discussions this week

Events, News

English

In den kommenden Tagen nehmen JID-Mitglieder teil an vier verschiedenen Podiumsdiskussionen.

Filme bei der GlobaLE

Vom Mittwoch bis Freitag finden drei Filmvorführungen zu Israel-Palästina im Rahmen der GlobaLE. An der anschliessenden Diskussion zu jedem Film nimmt jeweils ein JID-Mitglied teil, zusammen mit anderen Aktiven und Autoren:

Mittwoch, 15.9., 20 Uhr: 18 Kühe zwischen zwei Fronten (Peterskirche, Schletterstr. 5)

Donnerstag, 16.9., 20 Uhr: The Lab (Peterskirche, Schletterstr. 5)

Freitag, 17.9., 20 Uhr: On the side of the road (Peterskirche, Schletterstr. 5)

Mehr Infos zu den jeweiligen Filmen könnt ihr im Programm auf der Website der GlobaLE finden.

BIPOC Discussion Day

Am Sonntag den 19.9. findet in der ganzen Bäckerei (Josephstraße 12) der „BIPOC Discussion Day“. Im zweiten Teil ab ca. 18 Uhr findet eine Diskussion statt zur linken Kulturszene und den sogenannten „Antideutschen“ – an dieser Diskussion nimmt ein JID-Mitglied teil. Die Diskussion wird (vorrangig) auf Englisch stattfinden.

English version

This week JID members will be participating in several public panel discussions.

Films at the GlobaLE festival

From Wednesday through Friday, the GlobaLE film festival will screen three films about Israel-Palestine. Each screening will be followed by a discussion, including one JID member each, alongside other activists and authors. The primary language for these events will be German.

Wednesday, 15 September, 20:00: The Wanted 18 (Peterskirche, Schletterstr. 5) – German audio, no subtitles. Discussion in English and German

Thursday, 16 September, 20:00: The Lab (Peterskirche, Schletterstr. 5) – Primarily Hebrew audio, German subtitles

Friday, 17 September, 20:00: On the side of the road(Peterskirche, Schletterstr. 5) – Primarily English audio, German subtitles

BIPOC Discussion Day

On Sunday 19 September a „BIPOC Discussion Day“ is being held at the „ganze Bäckerei“ (Josephstraße 12). The second part, starting around 18:00, will be a discussion about the left culture scene and the so-called „Antideutsche“, with a panel including one JID member.

Incident: Exclusion and Solidarity at IfZ / Vorfall: Ausgrenzung und Solidarität im IfZ

Incidents, News, Statements

The following is a statement by JID member Yuval Gal Cohen about an incident she experienced on Sunday, July 18, at the IfZ club in Leipzig. We share the statement here with our full support and solidarity.

Es folgt ein Statement von JID-Mitglied Yuval Gal Cohen über einen Vorfall, den sie am Sonntag, den 18. Juli, im IfZ-Club in Leipzig erlebte. Wir teilen es hier mit unserer vollen Unterstützung und Solidarität.
🔽 Zur deutschen Übersetzung 🔽

Yuval’s statement (English)

This Sunday evening, I arrived at the IfZ to dance to the tunes of my favorite collective in Leipzig, “Music of Color”. After I arrived and cooled down a bit, I put on my beloved keffiyeh. Within minutes, I was asked by one of the IfZ staff members to take it off and put it in my bag. They said it was because one of the staff members found the keffiyeh offensive, and I said that I would love to know who this person was and have a conversation with them. The person never showed up, and I was asked to go outside.

The keffiyeh is a traditional scarf in the Middle East. Every region has its own patterns. The keffiyeh protects us from the sun and warms us when it’s cold. It used to be a very masculine piece of clothing and throughout the years women also started to wear it as part of their own journey of empowerment.

The Palestinian Keffiyeh and its patterns, which existed way before the State of Israel and the Palestinian national movement, have different origins and meanings, like the connection to the sea, the river, and the land. It was worn by farmers and workers for generations. It eventually became a symbol of the Palestinian struggle against the Israeli occupation – a real struggle, and as an Israeli Jewish woman of color I can say it is an issue which Israelis both benefit from and suffer from at the same time. The conflict is complicated, but the occupation is very simple, I like to say. The power structures are far from being balanced, and even Palestinians who live inside Israel proper do not enjoy full equality.

At the IfZ, I was asked to take my keffiyeh off because, and I quote, “it stands for some oppression and antisemitic, and we don’t accept any Palestine signs”. But they soon realized that they were not going to convince me to take it off, so they started to say: “it’s a club, and we can decide what and who”… I told them to not finish the sentence because there’s no way it has a good ending, and this excuse was used by the worst people in our society.

More people gathered around from the IfZ crew and the Music of Color collective. One IfZ staff member gently took me aside to talk to me and to listen to what I had to say and hear about my beliefs and my connection to the scarf. I appreciated this very much. I explained first that I’m a political human being and I live and express it wherever I go. Music of Color is one of the safest places for me to really express my complex reality as an Israel-Jewish woman of color who criticizes her own country, because between people of color, from my experience, there is more understanding of complexities. And my existence and my political beliefs are complex, they are formed by years of militaristic education, a history of oppression, and mainly an enormous amount of stories I’ve heard from Palestinians and the injustice they experience on a daily basis in the name of Zionism.

I wear the keffiyeh as a sign of solidarity. I fully believe we have a responsibility to end the occupation. I believe it has to happen because we are cousins, and we all deserve to live on that piece of land together, safe, with the understanding of each others‘ struggles. As Israelis I believe we have to take responsibilities for all the wrongs we’ve done to the Palestinian people.

When a space does not allow any Palestinian representation but promotes other struggles in the name of diversity – that is performative activism. It is hypocritical. It is to say “we are ok with this group of people of color but not this one, we’re ok with this kind of Jewish person but not this one”. It is antisemitic to put all Jewish people in a box of what is comfortable to the white German, without actually doing the internal work of understanding the generational trauma and complexity of being somewhat progressive while having Nazis in your personal or collective background.

When you ask someone to put their keffiyeh in their bag, you ask them to put their identity in their bag. And I’m not even Palestinian.

Back to what happened.

So after I spoke my truth to this really nice person from the IfZ crew, and people from the event production and audience alike rose up in solidarity with me in front of the few staff who were involved, he said they will gather all the other staff members who were there and discuss whether I could stay at the event with my keffiyeh.

I sat outside until they could make their decision, and a bunch of people came and joined me. Everything from beginning to end took about two hours. Until they made their decision – which was actually, in the end, to allow me to participate at the event with the keffiyeh on – the Music of Color collective had already decided to cut off the music and stop the event, and everyone walked out in solidarity against the discrimination I experienced.

I know it was upsetting for the people who were actually on my side from the IFZ crew, and I’m grateful that they tried, but this is maybe the biggest lesson of it all – sometimes it’s just too late. People of color will not wait until white Germans (or anyone for that matter) will have their discussion about what they think is right or wrong. The occupation is continuing as I write these words. The struggles of Palestinians and other marginalized people do not need white people’s approval, and cannot wait for it.

It is good to discuss and to take time to understand situations in a deeper way, but with the fact in mind that while we’re talking about it and educating ourselves, houses in East Jerusalem are being destroyed, Palestinian villages are being removed, Palestinian human rights defenders are in constant danger of violence and arrest, and many Israeli activists too. This is ongoing and urgent. We have to educate ourselves now, on the keffiyeh and why anti-Zionism is not antisemitism, on the history of clothes-based discrimination, on the Palestinian struggle for freedom. And in my humble opinion, the best way to do it is to listen to people’s life experiences and understand the power structures between the river and the sea. Listen to Palestinian refugees, they exist around you here in Leipzig, whether the “antideutsch” would like to admit it or not. Listen to Israeli activists.

If all of this feels far away from you, there are many NGOs and activist groups out there to help you, documenting the realities of Palestinians and Jewish people who live there, producing materials available in English, German, Hebrew, Arabic, and many other languages.

One of them here in Leipzig is JID – Jüdisch-israelischer Dissens. we’re a group of Israeli-Jewish activists who live in Leipzig and have experienced in our personal life what it is like to be a leftist in Israel. We do not speak on behalf of Palestinians, but we do speak about our experiences and understanding of the occupation. On our website, we collect resources for people interested in learning more: https://jidleipzig.wordpress.com/ressourcen-resources/

Finally, I would like to say I am amazed and still overwhelmed by the amount of support I have received for my choice not to silence my political existence. Thank you to the Music of Color family, I don’t wish for you to ever experience something like this ever again. Thank you to the crowd who fully accepted that the party cannot go as it was.

This is real solidarity. I am in awe and I am extremely grateful, my phone did not stop ringing all day with people checking up on me. I’m good overall, discussing politics with supporters of Israeli nationalism is nothing new for me, but I choose to focus on the people who stood beside me and not the people who tried to shut me down – they can’t take away my spirit. I love you all.

To the IfZ staff, especially the people I interacted with, it’s nothing personal. My real wish is that this will create a real and deep discussion and openness to the subject, especially in spaces that identify themselves as political.


Yuvals Statement (Deutsch)

Am Sonntagabend kam ich im IfZ an, um mit meinem Lieblingsmusikkollektiv in Leipzig, „Music of Color“, zu tanzen. Nachdem ich angekommen war und mich ein wenig abgekühlt hatte, zog ich meine geliebte Keffiyeh an. Innerhalb weniger Minuten wurde ich von einem der IfZ-Mitarbeiter gebeten, sie abzunehmen und in meine Tasche zu stecken. Sie sagten, es sei, weil einer der Mitarbeiter das Keffiyeh offensiv findet, und ich sagte, dass ich gerne wüsste, wer diese Person sei und mit ihr ein Gespräch führen würde. Die Person ist nie aufgetaucht, und ich wurde gebeten, raus zu gehen.

Das Keffiyeh ist ein traditionelles Kopftuch im Nahen Osten. Jede Region hat ihre eigenen Muster. Die Keffiyeh schützt uns vor der Sonne und wärmt uns, wenn es kalt ist. Früher war es ein sehr maskulines Kleidungsstück und im Laufe der Jahre begannen auch Frauen, es als Teil ihrer eigenen Reise der Ermächtigung zu tragen.

Die palästinensische Keffiyeh und ihre Muster, die schon lange vor dem Staat Israel und der palästinensischen Nationalbewegung existierten, haben verschiedene Ursprünge und Bedeutungen, wie die Verbindung zum Meer, zum Fluss und zum Land. Sie wurde über Generationen hinweg von Bauern und Arbeitern getragen. Schließlich wurde sie zu einem Symbol des palästinensischen Kampfes gegen die israelische Besatzung – ein echter Kampf, und als israelische Jüdin of Color kann ich sagen, dass es ein Thema ist, von dem Israelis gleichzeitig profitieren und unter dem sie gleichzeitig leiden. Der Konflikt ist kompliziert, aber die Besatzung ist sehr einfach, wie ich gerne sage. Die Machtstrukturen sind lange nicht ausgeglichen, und selbst Palästinenser:innen, die innerhalb Israels selbst leben, genießen nicht die volle Gleichberechtigung.

Im IfZ wurde ich gebeten, mein Keffiyeh abzunehmen, weil, „es für irgendeine Unterdrückung steht und antisemitisch ist, und wir akzeptieren keine Palästina Symbole“ [Anmerkung: das Gespräch wurde auf Englisch geführt, die Zitate sind übersetzt]. Aber sie merkten schnell, dass sie mich nicht überzeugen konnten, es abzunehmen, also begannen sie zu sagen: „Es ist ein Club, und wir können entscheiden, was und wer“… Ich sagte ihnen, dass sie den Satz nicht zu Ende bringen sollten, weil er kein gutes Ende nehmen kann und diese Ausrede von den schlimmsten Menschen in unserer Gesellschaft benutzt wurde.

Es versammelten sich mehrere Leute von der IfZ-Crew und vom Music of Color-Kollektiv. Ein Mitarbeiter des IfZ nahm mich sanft beiseite, um mit mir zu reden und mir zuzuhören, was ich zu sagen hatte und über meine Meinung und meine Verbindung zum Schal zu hören. Das schätze ich sehr. Ich erklärte zunächst, dass ich ein politischer Mensch bin und das lebe und ausdrücke, wo immer ich hingehe. Music of Color ist einer der sichersten Orte für mich, um meine komplexe Realität als israelisch-jüdische Frau of Color, die ihr eigenes Land kritisiert, wirklich auszudrücken, weil es unter People of Color meiner Erfahrung nach mehr Verständnis für Komplexitäten gibt. Und meine Existenz und meine politischen Überzeugungen sind komplex, sie sind geformt durch jahrelange militaristische Erziehung, eine Geschichte der Unterdrückung und vor allem eine enorme Menge an Geschichten, die ich von Palästinenser:innen gehört habe sowie die Ungerechtigkeit, die sie täglich im Namen des Zionismus erleben.

Ich trage die Keffiyeh als ein Zeichen der Solidarität. Ich glaube fest daran, dass wir eine Verantwortung haben, die Besatzung zu beenden. Ich glaube, dass es geschehen muss, weil wir Cousins und Cousinen sind, und wir alle verdienen es, auf diesem Stück Land zusammen zu leben, sicher, mit einem Verständnis für die Kämpfe des anderen. Als Israelis glaube ich, dass wir die Verantwortung für all das Unrecht übernehmen müssen, das wir dem palästinensischen Volk angetan haben.

Wenn ein Raum keine palästinensische Repräsentation zulässt, aber andere Kämpfe im Namen der Vielfalt fördert – das ist performativer Aktivismus. Es ist heuchlerisch. Es ist zu sagen: „Wir sind mit dieser Gruppe von People of Color einverstanden, aber nicht mit dieser, wir sind mit dieser Art von jüdischen Menschen einverstanden, aber nicht mit dieser“. Es ist antisemitisch, alle jüdischen Menschen in eine Kiste zu stecken, die für den weißen Deutschen bequem ist, ohne tatsächlich die innere Arbeit zu tun, das intergenerationelle Trauma und die Komplexität davon zu verstehen, wenn man etwas progressiv ist, während man Nazis in seinem persönlichen oder kollektiven Hintergrund hat.

Wenn man eine bittet, ihre Keffiyeh in wegzustecken, bittet man sie, ihre Identität wegzustecken. Und ich bin nicht einmal Palästinenserin.

Zurück zu dem, was passiert ist.

Nachdem ich also dieser wirklich netten Person von der IfZ-Crew meine Wahrheit gesagt hatte und die Leute von der Veranstaltungsproduktion und das Publikum gleichermaßen aus Solidarität mit mir vor den wenigen beteiligten Mitarbeitern aufgestanden waren, sagte er, sie würden alle anderen Mitarbeiter, die dort waren, zusammenrufen und besprechen, ob ich mit meiner Keffiyeh auf der Veranstaltung bleiben könne.

Ich saß draußen, bis sie ihre Entscheidung treffen konnten, und ein Haufen Leute kam und schloss sich mir an. Alles von Anfang bis Ende dauerte etwa zwei Stunden. Bis sie ihre Entscheidung trafen – die am Ende tatsächlich war, dass ich mit der Keffiyeh bleiben dürfen sollte – hatte das Music of Color-Kollektiv bereits beschlossen, die Musik abzuschalten und die Veranstaltung abzubrechen, und alle sind gegangen, aus Solidarität gegen die Diskriminierung, die ich erlebt hatte.

Ich weiß, dass es für die Leute von der IFZ-Crew, die eigentlich auf meiner Seite waren, ärgerlich war, und ich bin dankbar, dass sie es versucht haben, aber das ist vielleicht die größte Lektion von allen – manchmal ist es einfach zu spät. People of Color werden nicht warten, bis weiße Deutsche (oder irgendjemand, was das betrifft) ihre Diskussion darüber führen, was sie für richtig oder falsch halten. Während ich diese Worte schreibe, geht die Besatzung weiter. Die Kämpfe der Palästinenser:innen und anderer marginalisierter Menschen brauchen nicht die Zustimmung der Weißen und können nicht darauf warten.

Es ist gut, zu diskutieren und sich Zeit zu nehmen, um Situationen tiefer zu verstehen, aber mit der Tatsache im Hinterkopf, dass, während wir darüber reden und uns bilden, Häuser in Ost-Jerusalem zerstört werden, palästinensische Dörfer entfernt werden, palästinensische Menschenrechtsverteidiger in ständiger Gefahr von Gewalt und Verhaftung sind, und viele israelische Aktivisten auch. Dies ist andauernd und dringend. Wir müssen uns jetzt aufklären, über die Keffiyeh und warum Antizionismus kein Antisemitismus ist, über die Geschichte der Diskriminierung durch Kleidung, über den palästinensischen Kampf für Freiheit. Und meiner Meinung nach ist der beste Weg, dies zu tun, den Lebenserfahrungen der Menschen zuzuhören und die Machtstrukturen zwischen dem Fluss und dem Meer zu verstehen. Hören Sie palästinensischen Flüchtlingen zu, sie leben um euch herum hier in Leipzig, ob die „Antideutsche“ es wahrhaben wollen oder nicht. Hört auf israelische Aktivisten.

Wenn euch das alles weit weg vorkommt, gibt es viele NGOs und aktivistischen Gruppen, die helfen können. Sie dokumentieren die Realitäten der Palästinenser:innen und der jüdischen Menschen, die dort leben, und produzieren Materialien, die in Englisch, Deutsch, Hebräisch, Arabisch und vielen anderen Sprachen verfügbar sind.

Eine davon hier in Leipzig ist JID – Jüdisch-israelischer Dissens. Wir sind eine Gruppe von israelisch-jüdischen Aktivisten, die in Leipzig leben und persönlich erfahren haben, wie es ist, ein Linker in Israel zu sein. Wir sprechen nicht im Namen der Palästinenser:innen, aber wir sprechen über unsere Erfahrungen und unser Verständnis der Besatzung. Auf unserer Website sammeln wir Ressourcen für Menschen, die mehr erfahren wollen: https://jidleipzig.wordpress.com/ressourcen-resources/

Abschließend möchte ich sagen, dass ich erstaunt und immer noch überwältigt bin von der Menge an Unterstützung, die ich für meine Entscheidung erhalten habe, meine politische Existenz nicht zu verschweigen. Danke an die Music of Color-Familie, ich wünsche mir, dass ihr niemals wieder so etwas erleben müsst. Danke an das Publikum, das voll und ganz akzeptiert hat, dass die Party so nicht weitergehen konnte.

Das ist echte Solidarität. Ich bewundere das voll und bin extrem dankbar. Mein Telefon hat den ganzen Tag nicht aufgehört zu klingeln, weil sich Leute nach mir erkundigt haben. Insgesamt geht es mir gut, mit Anhängern des israelischen Nationalismus über Politik zu diskutieren ist nichts Neues für mich, aber ich entscheide mich, mich auf die Menschen zu konzentrieren, die an meiner Seite standen und nicht auf die Leute, die versucht haben, mich zum Schweigen zu bringen – sie können mir meinen Geist nicht wegnehmen. Ich liebe euch alle.

Und an die Mitarbeiter des IfZ, insbesondere die Leute, mit denen ich interagiert habe: das ist nichts Persönliches. Ich wünsche mir wirklich, dass diese Erfahrung eine echte und tiefe Diskussion und Offenheit für das Thema schafft, besonders in Räumen, die sich als politisch verstehen.

Info-Abend 19.7.21, 20 Uhr

Events, News

(Online event in German)

Info-Abend Israel-Palästina

19. Juli 2021, 20 Uhr, online

Die erneuten Ausschreitungen im Mai haben wieder die Aufmerksamkeit vieler auf den sogenannten „Nahostkonflikt“ gezogen. Viele Leute fragen sich erneut, oder zum ersten Mal, worum es da eigentlich genau geht. Angesichts der politisch und historisch aufgeladenen Diskussion zum Thema und der sich entgegengesetzten Narrative, wissen viele nicht, wo sie anfangen sollen.

Wir von JID Leipzig (Jüdisch-israelischer Dissens) möchten euch deswegen die Gelegenheit geben, von einem Palästinensern und einem jüdischen Israeli direkt eine oppositionelle Perspektive auf die Situation zu bekommen: wie hat sich der palästinensische Widerstand entwickelt? Was gibt es für eine linke Bewegung bzw. Friedensbewegung in Israel selbst heutzutage? Und wie stehen sie zueinander?

Im Anschluss an die Redebeiträgen werden Teilnehmer:innen alle mögliche Fragen stellen können: zur jetzigen Lage, zur Geschichte, und alls drum herum.

Eine Podiumsdiskussion mit Inputs von:
Qutayba al-Kanatri (Palästina Spricht-Freiburg)
Michael Sappir (JID Leipzig)

Moderation: Gal Levy (JID Leipzig)

Diskussion 19.5. 19 Uhr: Eskalation in Israel-Palästina – palästinensische und israelische Perspektiven im Dialog / Escalation in Israel-Palestine – Palestinian and Israeli Perspectives in Dialogue

Events, News

English

Seit Wochen eskaliert langsam, und seit Tagen rasch und tragisch, die Gewalt zwischen dem Staat Israel und Palästinenser:innen – in Ostjerusalem, im Westjordanland, und insbesondere im Gazastreifen. Innerhalb vom Staat Israel ziehen Lynchmobs rum und suchen nach Opfer von der anderen Nation – die jüdischen Lynchmobs oft mit Hilfe der israelischen Sicherheitskräfte.

Die Lage ist chaotisch, dramatisch, und tragisch. Vielleicht hat sie sich, bis du das liest, schon wieder verändert. Wir treffen uns über Zoom, Israelis in Leipzig und Jerusalem, sowie Palästinenser:innen anderswo in Deutschland, um darüber zu reden und zu versuchen, etwas Einblick in die Situation aus unseren Perspektiven zu verschaffen. Auch besprochen wird: welche Rolle spielt Deutschland und was kann man in Deutchland dagegen tun?

Eine Veranstaltung von JID Leipzig zusammen mit Palästina Spricht. Mittwoch, 19.05.2021, um 19 Uhr.

Teilnehmenden:

Kutayba Al-Kanatri (Palästina Spricht)

Eine Vertreterin der Gruppe Palästina in Leipzig / Sumud Filastin

Ilana Hammermann (Westjerusalem)

Michael Sappir (JID Leipzig)

Moderation: Shira Bitan (JID Leipzig)

English version:

Slowly over the past weeks, and in recent days rapidly and tragically, violence has escalated between the State of Israel and Palestinians – in East Jerusalem, in the West Bank, and especially in the Gaza Strip. Inside the State of Israel, lynch mobs roam around looking for victims from the other nation – the Jewish lynch mobs often with help from Israeli security forces.

The situation is chaotic, dramatic, and tragic. Perhaps by the time you read this, it will have changed again. We are meeting over Zoom, Israelis in Leipzig and Jerusalem, and Palestinians elsewhere in Germany, to talk about it and try to provide some insight into the situation from our perspectives. We will also discuss what role Germany plays, and what can be done about the situation from within Germany.

An event together with Palästina Spricht / Palestine Speaks. The event will take place in German, May 19, 19:00 CET.

Solidarische Menschen haben nichts auf der „israelsolidarischen“ Demonstration zu suchen / The rally “in solidarity with Israel” has nothing to do with solidarity

News, Statements

English

Morgen findet in Leipzig eine Kundgebung gegen die Enteignung palästinensischer Familien in Sheikh Jarrah (Ostjerusalem) statt – die Enteignung, aus der die jetzige Eskalation der Gewalt ausgegangen ist. Zur gleichen Uhrzeit unweit davon findet eine Kundgebung „gegen jeden Antisemitismus“ und für „Solidarität mit Israel“ statt.

Kundgebung "Solidarität mit Israel"

Letztere kann nur als Gegendemo verstanden werden, die (unter anderem) aussagen möchte, dass die Proteste gegen die ethnische Säuberung von Sheikh Jarrah per se antisemitisch sind. Das verurteilen wir aufs schärfste und betonen: die Teilnehmenden solch einer Kundgebung demonstrieren gegen uns, gegen unsere Familien und Freunde in Israel, gegen eine Zukunft, in der Israelis und Palästinenser:innen zusammen leben können.

Die Behauptung – oder eher die Unterstellung – dass die Kundgebung gegen die Zwangsräumungen antisemitisch sei, kann auf zwei Arten verstanden werden:

Eine Möglichkeit ist, man meint, es gäbe nichts Falsches an der Enteignung von Grundstücken, Häusern, und Güter zugunsten einer anderen nationalen Gruppe auf Basis von diskriminierenden Gesetzen, die das nur einseitig ermöglichen. Dann müsste man fragen, was diese Leute zum Beispiel gegen die „Arisierung“ der Häuser deutscher Jüd:innen eigentlich einwenden möchten – die übrigens die Vorfahren von manchen unter uns persönlich betraf. War das allein falsch, weil es Jüd:innen betraf?

Die andere Möglichkeit ist, man meint, die ethnische Säuberung von Sheikh Jarrah sei das Handeln „der Juden“, beziehungsweise ganz normales jüdisches Handeln, beziehungsweise, dass jede Kritik daran, per se Jüd:innen überhaupt betrifft. Dann kann man nichts anderes sagen, als dass diese Leute zwischen Jüd:innen (beziehungsweise „die Juden“) und Israel nicht unterscheiden, und alle Menschen jüdischer Herkunft mit israelischen Verbrechen verbinden – ein klassisches Muster des israelbezogenen Antisemitismus.

Für viele JID-Mitglieder und einige unserer Eltern war die eindeutige Ungerechtigkeit der ethnischen Säuberung Sheikh Jarrahs schon ab 2009 eine bedeutsame Bruchstelle mit Israels Politik, ein Grund der Radikalisierung und des Abschieds von dem Glauben, man könne sich auf Rechtstaatlichkeit in unserem Land verlassen.

Wir akzeptieren keineswegs die Verteidigung dieser Verbrechen in unserem Namen. Mit Solidarität hat das nichts zu tun, auch nicht mit dem Kampf gegen Antisemitismus – ganz im Gegenteil.

Alle, denen Gerechtigkeit, Frieden, und menschliche Würde am Herzen liegen und morgen in Leipzig auf die Straße gehen, haben nichts bei dieser „israelsolidarischen“ Kundgebung zu suchen. Vielmehr würden wir euch gerne ans Herz legen, auf der Kundgebung 13 Uhr, Augustusplatz Gewandhausseite, für Gerechtigkeit und gegen die Zwangsräumungen zusammen zu stehen. An dieser Kundgebung, von einzelnen Betroffenen organisiert, werden einige JID-Mitglieder mit teil nehmen.

Die Furcht vor Antisemitismus in diesem Zusammenhängen ist uns verständlich – als betroffene teilen wir diese Furcht, und zwar überall in diesem Land. Selbst bei denen, die angeblich „gegen jeglichen Antisemitismus“ müssen wir davor fürchten. Unbedingte Unterstützung für Israel ist dafür keine Lösung – Antisemitismus muss da bekämpft, wo er sich findet, insbesondere innerhalb des Kampfs für Gerechtigkeit und Frieden.

Free Sheikh Jarrah! Free Silwan! Free Wallajeh!
Nieder mit der Belagerung Gazas! Nieder mit der Besatzung!

English version:

Tomorrow there will be a rally in Leipzig against the dispossession of Palestinian families in Sheikh Jarrah (East Jerusalem) – the dispossession which triggered the current escalation of violence. At the same time, close by, there will be a rally „against all antisemitism“ and for „solidarity with Israel“.

Kundgebung "Solidarität mit Israel"

The latter can only be understood as a counterdemonstration, which (among other things) wants to say that the protests against the ethnic cleansing of Sheikh Jarrah as such are antisemitic. We strongly condemn this and emphasize: the participants of such a demonstration are demonstrating against us, against our families and friends in Israel, against a future in which Israelis and Palestinians can live together.

The claim – or rather insinuation – that the rally against the evictions is anti-Semitic can only be understood in two ways:

One possibility is that they think there is nothing wrong with the expropriation of land, houses, and property for the benefit of another national group on the basis of discriminatory laws that only allow this dispossession in one direction. Then one would have to ask what these people actually want to object to, for example, the “Aryanization” of the houses of German Jews – which, by the way, affected the ancestors of some of us personally. Was this wrong only because it affected Jews?

The other possibility is to say that the ethnic cleansing of Sheikh Jarrah is the action of „the Jews“, or a normal Jewish action, or that any criticism of it as such concerns Jews in general. Then one can say nothing else than that these people do not distinguish between Jewish people (or „the Jews“) and Israel, that they associate all people of Jewish origin with Israeli crimes – a classic pattern of Israel-related antisemitism.

For many JID members and some of our parents, the clear injustice of Sheikh Jarrah’s ethnic cleansing was a significant breaking point with Israeli politics as early as 2009, a cause of radicalization and departure from the belief that we could rely on the rule of law in our country.

We do not at all accept the defense of these crimes in our name. This has nothing to do with solidarity, nor with the fight against anti-Semitism – quite the opposite.

All those taking to the streets of Leipzig tomorrow who care about justice, peace, and human dignity have no business at this „Israel solidarity“ rally. Rather, we would like to encourage you to join the rally at 1 pm, Augustusplatz in front of the Gewandhaus, for justice and against the evictions. This rally is organized by a few affected individuals and many JID members will be there.

We understand the fear of anti-Semitism in this context very well – as those affected, we share this fear, everywhere in this country. Even among those who are supposedly „against all antisemitism“ we have to fear it. Unconditional support for Israel is no solution to this – antisemitism must be fought wherever it is found, especially within the struggle for justice and peace.

Free Sheikh Jarrah! Free Silwan! Free Wallajeh!
Down with the siege of Gaza! Down with the occupation!

Zur aktuellen Gewaltseskalation in Israel-Palästina / On the current escalation of violence in Israel-Palestine

News, Statements

English

Wie alle Leute, die geliebte Menschen in Israel-Palästina haben, verfolgen wir die Nachrichten über die eskalierende Gewalt mit Sorge und Horror. Wir waren während der letzten großen Runde der Kämpfe im Jahr 2014 in Israel, und die Nachrichten von Raketen, die in israelischen Städten einschlagen, während jüdische Rassisten palästinensische Bürger auf den Straßen angreifen, wecken sehr schwierige Erinnerungen.

Aber wie in jenem Jahr sind wir noch entsetzter, angesichts dessen, was die israelische Regierung tut, insbesondere mit ihren Angriffen auf Gaza. Während sich unsere Familien und Freunde in Israel in der Regel auf die Sicherheit von Sicherheitsräumen, Luftschutzbunkern und dem Iron-Dome-System verlassen können, werden im Gazastreifen ganze Wohnhochhäuser zerstört, während die Bewohner:innen nirgendwo sicher hinlaufen können.

Israel versucht, diese Angriffe als ethisch vertretbar erscheinen zu lassen, indem es behauptet, dass alle Bewohner:innen vorgewarnt werden und die Möglichkeit haben, zu fliehen, aber das ist in unseren Augen nichts als eine PR-Taktik: Der Gazastreifen ist einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt; nach eineinhalb Jahrzehnten Bombardierung und Belagerung gibt es keine sicheren Orte, zu denen man fliehen kann. Eingezäunt und umzingelt sind die Gazaner:innen gefangen und den Bombardierungen der militärischen Supermacht der Region ausgesetzt. Wenn man das Bedürfnis nach sozialer Distanzierung hinzunimmt, erscheinen Israels Warnungen eher brutal als barmherzig.

Jedes einzelne Leben, das durch diese Gewalt verloren geht, ist unersetzlich. Jedes einzelne ist eine unnötige Katastrophe. Dennoch stellen wir fest, dass wieder, während die überwiegende Mehrheit der Opfer Palästinenser:innen sind, die Mainstream-Medien der israelischen Seite überproportionale Aufmerksamkeit schenken, während die Palästinenser:innen hauptsächlich als Zahlen erscheinen.

Wie bei jeder Eskalation der Gewalt werden weit mehr Palästinenser:innen verletzt und getötet als Israelis, sowohl wegen Israels fortschrittlicher und mächtiger Armee als auch wegen des umfangreichen Schutzes, den Israelis haben. Doch selbst innerhalb Israels stellen wir fest, dass nicht jeder diesen Schutz gleichermaßen erhält – unter den Getöteten auf israelischer Seite sind ein palästinensischer Mann und seine Tochter aus dem nicht anerkannten Dorf Dahmash in der Nähe von Tel Aviv, das nicht den vollen Schutz des Staates erhält.

Ähnlich ist es mit der gegenseitigen Straßengewalt. Innerhalb israelischer Städte, in denen sowohl Palästinenser:innen als auch jüdische Israelis:innen leben, wie Jerusalem/Al-Quds und Lydda/Lod, kommt es zunehmend zu Angriffen von Juden an Palästinenser:innen und umgekehrt. Dennoch sprechen Regierungsminister den jüdischen Angreifern neben den jüdischen Opfern ihre Unterstützung aus, und die Polizei wird zu deren Schutz eingesetzt, während die Gewalt von Palästinensern allseits verurteilt wird und die palästinensischen Opfer ihrem Schicksal überlassen werden.

Während die meisten israelischen Mainsream-Medien und ein Großteil der internationalen Mainstream-Medien sich wieder ganz auf die Angriffe auf Israel konzentrieren, müssen wir klar sagen: Palestinian lives matter. Gazaner sind nicht Zahlen. Die israelische Regierung ist für die Eskalation der Gewalt, die sie in den letzten Wochen anscheinend absichtlich provoziert und aufgebaut hat, voll verantwortlich.

Israelische Staatsbürger:innen, darunter insbesondere Palästinenser:innen, die gegen die Gewalt auf die Straßen gehen, werden zur Zeit durch die Polizei niedergeschlagen, mit noch mehr Gewalt als zuvor.

Jüdische Israelis, palästinensische Israelis und Palästinenser im belagerten Gazastreifen und im besetzten Westjordanland und Ostjerusalem – alle Menschen, die unter dem israelischen Regime leben, sind Opfer dieser Gewalt und dieser Unterdrückung. Aber diese Gruppen sind nicht gleichermaßen Opfer, und sie tragen nicht die gleiche Verantwortung. Als Israelis fühlen wir uns verantwortlich, die israelische Regierung zu kritisieren und eine klare Position zu beziehen.

Wir erklären unsere Solidarität mit all denen, die von den Streitkräften unseres Heimatlandes ins Visier genommen werden. Wir solidarisieren uns mit allen, die sich dem gewalttätigen, rassistischen Regime Israels entgegensetzen. Wir solidarisieren uns mit allen, die sich für die Beendigung der Besatzung und der Apartheid einsetzen. Wir verurteilen alle, die sich dagegenstellen.

Free Sheikh Jarrah! Beendet die Belagerung Gazas! Nieder mit der Besatzung!

English version:

Like anyone with loved ones in Israel-Palestine, we have been following the news of escalating violence with worry and horror. We were in Israel in the last major round of fighting in 2014, and the news of rockets hitting Israeli cities while Jewish racists attack Palestinian citizens in the streets brings back very difficult memories.

But like that year, we are even more horrified to see what the Israel government is doing, especially with its attacks on Gaza. While our families and friends in Israel can usually rely on the safety of security rooms, bomb shelters and the Iron Dome system, in the Gaza strip entire residential towers are destroyed while the residents have nowhere safe to run to.

Israel tries to make such attacks appear ethical by claiming all residents are given a warning and an opportunity to run away, but we see this is as no more than a public relations tactic: the Gaza Strip is one of the most densely populated places in the world; after a decade and a half of bombardment and siege, there are no safe places to run to. Fenced in and surrounded, Gazans are trapped and exposed to the bombings of the region’s military superpower. When you add in the need for social distancing, Israel’s warnings seem more like cruelty than compassion.

Every single life lost in this violence is irreplaceable. Every one is an unnecessary disaster. Yet we notice that again, while the vast majority of casualties are Palestinians, mainstream media give disproportionate attention to the Israeli side, while Palestinians appear mostly as numbers.

As in every escalation of violence, far more Palestinians are injured and killed than Israelis, both because of Israel’s advanced and powerful army, and because of the comprehensive protection Israelis have. Yet even within Israel, we note that not everyone receives these protections equally – among those killed on the Israeli side are a Palestinian father and daughter from the unrecognized village of Dahmash near Tel Aviv, which does not receive the state’s full protection.

Similarly, within Israeli towns and cities where both Palestinians and Jewish Israelis live, such as Jerusalem/Al-Quds and Lydda/Lod, there is increasing street violence by Jews against Palestinians and vice versa. Yet government ministers express support for the Jewish attackers alongside Jewish victims and police are deployed to protect them, while Palestinian’s violence is condemned all round and Palestinian victims are abandoned to their fate.

While most of the mainstream Israeli media and much of the international mainstream media focus on the attacks on Israel, we have to say clearly: Palestinian lives matter. Gazans are not numbers. The Israeli government is fully responsible for the escalation of violence, which it appears to have intentionally provoked and built up over the past few weeks.

Israeli citizens, especially Palestinians, who have taken to streets to protest against the violence, are being beaten down by the police, more violently than ever.

Jewish Israelis, Palestinian Israelis, and Palestinians in the besieged Gaza Strip and occupied West Bank and East Jerusalem – all people living under the Israeli regime are victims of this violence and oppression. But these groups are not victimized equally, and they do not bear equal responsibility. As Israelis we feel responsible to call out the Israeli government and take a clear stand.

We stand in solidarity with all those being targeted by our home country’s forces. We stand in solidarity with all those opposing the violent, racist Israeli regime. We stand in solidarity with all those working to end the occupation and apartheid. We denounce all those who stand against them.

Free Sheikh Jarrah! End the siege on Gaza! Down with the occupation!