Solidarische Menschen haben nichts auf der „israelsolidarischen“ Demonstration zu suchen / The rally “in solidarity with Israel” has nothing to do with solidarity

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English

Morgen findet in Leipzig eine Kundgebung gegen die Enteignung palästinensischer Familien in Sheikh Jarrah (Ostjerusalem) statt – die Enteignung, aus der die jetzige Eskalation der Gewalt ausgegangen ist. Zur gleichen Uhrzeit unweit davon findet eine Kundgebung „gegen jeden Antisemitismus“ und für „Solidarität mit Israel“ statt.

Kundgebung "Solidarität mit Israel"

Letztere kann nur als Gegendemo verstanden werden, die (unter anderem) aussagen möchte, dass die Proteste gegen die ethnische Säuberung von Sheikh Jarrah per se antisemitisch sind. Das verurteilen wir aufs schärfste und betonen: die Teilnehmenden solch einer Kundgebung demonstrieren gegen uns, gegen unsere Familien und Freunde in Israel, gegen eine Zukunft, in der Israelis und Palästinenser:innen zusammen leben können.

Die Behauptung – oder eher die Unterstellung – dass die Kundgebung gegen die Zwangsräumungen antisemitisch sei, kann auf zwei Arten verstanden werden:

Eine Möglichkeit ist, man meint, es gäbe nichts Falsches an der Enteignung von Grundstücken, Häusern, und Güter zugunsten einer anderen nationalen Gruppe auf Basis von diskriminierenden Gesetzen, die das nur einseitig ermöglichen. Dann müsste man fragen, was diese Leute zum Beispiel gegen die „Arisierung“ der Häuser deutscher Jüd:innen eigentlich einwenden möchten – die übrigens die Vorfahren von manchen unter uns persönlich betraf. War das allein falsch, weil es Jüd:innen betraf?

Die andere Möglichkeit ist, man meint, die ethnische Säuberung von Sheikh Jarrah sei das Handeln „der Juden“, beziehungsweise ganz normales jüdisches Handeln, beziehungsweise, dass jede Kritik daran, per se Jüd:innen überhaupt betrifft. Dann kann man nichts anderes sagen, als dass diese Leute zwischen Jüd:innen (beziehungsweise „die Juden“) und Israel nicht unterscheiden, und alle Menschen jüdischer Herkunft mit israelischen Verbrechen verbinden – ein klassisches Muster des israelbezogenen Antisemitismus.

Für viele JID-Mitglieder und einige unserer Eltern war die eindeutige Ungerechtigkeit der ethnischen Säuberung Sheikh Jarrahs schon ab 2009 eine bedeutsame Bruchstelle mit Israels Politik, ein Grund der Radikalisierung und des Abschieds von dem Glauben, man könne sich auf Rechtstaatlichkeit in unserem Land verlassen.

Wir akzeptieren keineswegs die Verteidigung dieser Verbrechen in unserem Namen. Mit Solidarität hat das nichts zu tun, auch nicht mit dem Kampf gegen Antisemitismus – ganz im Gegenteil.

Alle, denen Gerechtigkeit, Frieden, und menschliche Würde am Herzen liegen und morgen in Leipzig auf die Straße gehen, haben nichts bei dieser „israelsolidarischen“ Kundgebung zu suchen. Vielmehr würden wir euch gerne ans Herz legen, auf der Kundgebung 13 Uhr, Augustusplatz Gewandhausseite, für Gerechtigkeit und gegen die Zwangsräumungen zusammen zu stehen. An dieser Kundgebung, von einzelnen Betroffenen organisiert, werden einige JID-Mitglieder mit teil nehmen.

Die Furcht vor Antisemitismus in diesem Zusammenhängen ist uns verständlich – als betroffene teilen wir diese Furcht, und zwar überall in diesem Land. Selbst bei denen, die angeblich „gegen jeglichen Antisemitismus“ müssen wir davor fürchten. Unbedingte Unterstützung für Israel ist dafür keine Lösung – Antisemitismus muss da bekämpft, wo er sich findet, insbesondere innerhalb des Kampfs für Gerechtigkeit und Frieden.

Free Sheikh Jarrah! Free Silwan! Free Wallajeh!
Nieder mit der Belagerung Gazas! Nieder mit der Besatzung!

English version:

Tomorrow there will be a rally in Leipzig against the dispossession of Palestinian families in Sheikh Jarrah (East Jerusalem) – the dispossession which triggered the current escalation of violence. At the same time, close by, there will be a rally „against all antisemitism“ and for „solidarity with Israel“.

Kundgebung "Solidarität mit Israel"

The latter can only be understood as a counterdemonstration, which (among other things) wants to say that the protests against the ethnic cleansing of Sheikh Jarrah as such are antisemitic. We strongly condemn this and emphasize: the participants of such a demonstration are demonstrating against us, against our families and friends in Israel, against a future in which Israelis and Palestinians can live together.

The claim – or rather insinuation – that the rally against the evictions is anti-Semitic can only be understood in two ways:

One possibility is that they think there is nothing wrong with the expropriation of land, houses, and property for the benefit of another national group on the basis of discriminatory laws that only allow this dispossession in one direction. Then one would have to ask what these people actually want to object to, for example, the “Aryanization” of the houses of German Jews – which, by the way, affected the ancestors of some of us personally. Was this wrong only because it affected Jews?

The other possibility is to say that the ethnic cleansing of Sheikh Jarrah is the action of „the Jews“, or a normal Jewish action, or that any criticism of it as such concerns Jews in general. Then one can say nothing else than that these people do not distinguish between Jewish people (or „the Jews“) and Israel, that they associate all people of Jewish origin with Israeli crimes – a classic pattern of Israel-related antisemitism.

For many JID members and some of our parents, the clear injustice of Sheikh Jarrah’s ethnic cleansing was a significant breaking point with Israeli politics as early as 2009, a cause of radicalization and departure from the belief that we could rely on the rule of law in our country.

We do not at all accept the defense of these crimes in our name. This has nothing to do with solidarity, nor with the fight against anti-Semitism – quite the opposite.

All those taking to the streets of Leipzig tomorrow who care about justice, peace, and human dignity have no business at this „Israel solidarity“ rally. Rather, we would like to encourage you to join the rally at 1 pm, Augustusplatz in front of the Gewandhaus, for justice and against the evictions. This rally is organized by a few affected individuals and many JID members will be there.

We understand the fear of anti-Semitism in this context very well – as those affected, we share this fear, everywhere in this country. Even among those who are supposedly „against all antisemitism“ we have to fear it. Unconditional support for Israel is no solution to this – antisemitism must be fought wherever it is found, especially within the struggle for justice and peace.

Free Sheikh Jarrah! Free Silwan! Free Wallajeh!
Down with the siege of Gaza! Down with the occupation!